Frühzeitige Therapie soll Autismus bei Kindern verhindern
Chicago (AP) Schon wenige Tage nach der Geburt schauen gesunde Babys Menschen in die Augen, mit spätestens neun Monaten tauschen sie Lächeln aus. Jacob Day tat von alldem nichts. «Es schien, als ob ihm die Augen weh taten, wenn er jemanden anschaute», erzählt die Mutter Tamie Day. «Er sah uns nicht nur nicht an, er starrte absichtlich weg.» Schon früh befürchtete die Psychologin aus Antelope in Kalifornien, ihr Sohn könne an Autismus Sie ließ ihn an einer Studie teilnehmen.
Eines der Resultate: Reagieren Kinder bis zum Alter von zwölf Monaten nicht auf ihren Namen, ist das Risiko für Autismus tatsächlich sehr hoch. Bei Jacob wurde die Krankheit ungewöhnlich früh diagnostiziert, im Alter von 18 Monaten. Schon vor seinem zweiten Geburtstag begann der Junge ein intensives Verhaltenstraining, das ihm ein selbstständigeres Leben ermöglichen soll.
Noch vor 20 Jahren achtete niemand bei so kleinen Kindern auf Erscheinungen wie Autismus oder die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Aber inzwischen prüfen Ärzte Kinder immer häufiger auf frühe Anzeichen, die auf diese Störungen hinweisen. Viele Forscher hoffen, dass bei manchen Kindern eine frühzeitige intensive Behandlung die Probleme verhindern oder zumindest mildern kann. Ein Bericht des Institute of Medicine aus dem Jahr 2000 stützt diese Ansicht. Darin betonen die Autoren, wie formbar das Gehirn eines Babys noch ist und dass Interaktionen mit dem Kind die Vernetzung des Gehirns beeinflussen können. Jacobs Mutter bestätigt, dass der inzwischen dreieinhalb Jahre alte Junge deutliche Fortschritte gemacht hat.
Die US-Regierung schätzte im vergangenen Februar, dass Autismus bei einem von 150 Kindern vorkommt und möglicherweise noch häufiger ist als früher angenommen. Im April präsentierten die US-Gesundheitsbehörden einen Bericht, der zu einer möglichst frühen Diagnose und Behandlung rät. Demnach haben etwa 17 Prozent aller amerikanischen Kinder eine Entwicklungsstörung. Aber diagnostiziert werde dies nur bei der Hälfte von ihnen vor dem Schulalter.
Babys beginnen schon bald nach der Geburt mit dem Augenkontakt. «Sie verstehen auf einer tiefen, vielleicht sogar biologisch verwurzelten Ebene, dass Augen etwas Besonderes sind», sagt die Autismus-Expertin Sally Ozonoff von der Universität von Kalifornien in Davis. «Sie blicken mehr auf die Augen als auf andere Teile des Gesichts.»
Warnsignale sind demnach, wenn das Kind bis zum Alter von zwei Monaten nicht auf optische und akustische Reize achtet oder mit acht Monaten nicht mit den Eltern Lächeln oder Geräusche austauscht. Die amerikanische Akademie der Kinderärzte empfiehlt, Kinder regelmäßig auf solche Entwicklungsprobleme zu untersuchen. «Wenn man abwartet, bis ein Kind einen großen Entwicklungsschritt wie Gehen oder Sprechen verpasst, nimmt man ihm und der Familie die Vorteile einer frühen Diagnose und Therapie», so die Akademie.
Aber nicht alle Experten sind mit einem solchen Vorgehen einverstanden. Kritiker wenden ein, damit mache man auch solche Kinder zu Patienten, die normale Variationen im Verhalten zeigen. Der Londoner Arzt Michael Fitzpatrick hält zwar die frühe Diagnose und Behandlung echter Störungen für wichtig. «Wenn diese Kategorien aber 20 bis 30 Prozent aller Kinder einschließen, so zeigt dies einen gesellschaftlichen Trend, das Leben von Kindern zu pathologisieren», so der Mediziner. «Das spiegelt offenbar die Schwierigkeiten von Eltern und Lehrern wider, mit bekannten Problemen der Kindheitsentwicklung umzugehen.»
Studie soll klären, ob frühes Eingreifen hilft
Der Psychiater Stanley Greenspan von der George-Washington-Universität widerspricht. Es gehe nicht darum, Babys als krank einzustufen und mit Medikamenten zu behandeln. Wichtig sei vielmehr, das Bewusstsein für frühe Warnsignale zu schärfen und frühzeitig eine Therapie anzuregen. Diese solle die Chance des Kindes erhöhen, sich normal entwickeln zu können.
Eine große Studie Greenspans soll nun klären, ob frühes Eingreifen bei Autismus und ADHS tatsächlich hilft. Darin werden die kleinen Patienten in zwei Gruppen geteilt. Eine Hälfte erhält ein intensives Verhaltenstraining, die übrigen Teilnehmer nicht. Wenn die Kinder fünf Jahre alt sind, soll ihre Entwicklung verglichen werden.





















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